Die häufigsten Fragen und Antworten zur Konstruktion, zur Pflanzen-auswahl und den Risiken etc. der begrünten Fassade der Calwer Passage

Beantwortet von Florian Starz
Project Manager Facade Engineering bei der Werner Sobek AG

Wie muss man sich die Konstruktion der Fassadenbegrünung vorstellen? 

Die technische Ausrüstung zur Fassadenbegrünung des Neubauprojektes „Calwer Passage“ besteht aus einer tragenden horizontalen Stahl-Unterkonstruktion entlang der opaken Brüstungsbänder, die zur Aufnahme der vorkultivierten Pflanzen in Innentrögen dient und sich außenseitig um den Grundriss des Gebäudes bis zum Calwer Platz zieht. Diese begrünten horizontalen Bänder sind geschossweise übereinander angeordnet und teilweise untereinander mit vertikalen Rankhilfen vor den verglasten Flächen verbunden. Es ist also keine kleinteilige vertikale Begrünung entlang einer Wandfläche, sondern eine dem Gebäude vorgelagerte Konstruktion mit beachtlichen Pflanzgefäßabmaßen. Die Be- und Entwässerung der rund 2000 Pflanzgefäße ist in diese Konstruktion integriert, die gleichzeitig auch den Zugang für die Gärtner, beispielsweise für die Pflege und den Beschnitt der Pflanzen, bietet. Würde man alle bei der Calwer Passage eingesetzten Pflanzgefäße aneinanderreihen, bekämen wir ein grünes Band, das sich vom Calwer Platz über den Hauptbahnhof bis hin zum Budapester Platz im Europaviertel erstrecken würde – eine beachtliche Strecke von rund zwei Kilometern! Ergänzt werden die Grünfassaden durch die intensive Begrünung der Dächer unter Einsatz verschiedenster Gehölze und Baumarten.

Wie kam es zur Auswahl von welchen Pflanzen? 

Die Auswahl der Pflanzen erfolgte unter verschiedensten Kriterien durch ingenhoven architects zusammen mit ausgewiesenen Experten u.a. Prof. Dr. K.-H. Strauch (Beuth Hochschule für Technik Berlin) sowie Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Reif (Albert-Ludwigs-University, Freiburg) und natürlich unter Einbindung des Bauherren selbst. Auswahlkriterien waren u.a. der urbane Standort, der begrenzte Substratquerschnitt, die Ausrichtung am Gebäude selbst, die Resistenz gegen Schädlinge und Krankheiten, der Pflegeaufwand und natürlich gestalterische Aspekte. Der Entwurf der Architekten sah von Anfang an eine Mischkultur vor, in der verschiedene Kletterpflanzen, Sträucher und bodengebundene Pflanzen in einer nicht ablesbaren naturähnlichen Vielfalt gemischt werden. Diese Natürlichkeit wird gewollt nochmals unterstrichen, indem sich die Jahreszeiten auch am Gebäude durch die Pflanzen widerspiegeln. Es wurde bewusst darauf verzichtet, künstlich ein ganzjährig gleich grünes Bild zu schaffen, und es wurde nur ein Teil mit immergrünen Pflanzen belegt.

Wie regulieren sich Regen und Gießen, Sommer und Winter? 

Die Pflanzgefäße selbst geben überschüssiges Wasser über Öffnungen nach unten ab, wie man das von jedem Blumentopf kennt. Das überschüssige Wasser wird kontrolliert abgeleitet und gesammelt. Zur Versorgung der Pflanzen wird zusätzlich eine Bewässerungsanlage eingesetzt, die Überwachung erfolgt u.a. über Feuchte- und Temperaturfühler, die innerhalb der Fassaden an ausgewählten Punkten angebracht sind. Die Anlage kann voll automatisiert betrieben werden, wird natürlich aber auch von erfahrenen Gärtnern überwacht. Die Bewässerungsleitungen werden bei Frostgefahr im Winter entleert und bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt wieder aktiviert, im Hochsommer wird entsprechend dem Bedarf mehr bewässert.

Was sind die größten Risikofaktoren? 

Bei der Fassadenbegrünung handelt es sich um lebende Organismen, die ständig wechselnden Umwelteinflüssen ausgesetzt sind. Ein gewisses Restrisiko gibt es dadurch immer. Aber: Wir haben alles Erdenkliche getan, um diese Risiken zu minimieren bzw. auszuschließen. Die Verfahren und Methoden, die wir bei unserem Stuttgarter Projekt anwenden, sind in Parkanlagen und im Landschaftsbau seit langem üblich und werden dort höchst erfolgreich angewendet. Durch den Einsatz vieler unterschiedlicher Pflanzen wird zum Beispiel das Risiko eines Komplettausfalls der Begrünung durch Krankheiten oder Schädlinge herabgesetzt. Einer sommerlichen Überhitzung des Substratquerschnittes (des „Bodens“ für die Pflanzen im Trog) wirken wir durch Dämmmaßnahmen entgegen. Die Pflanzen, die an der Fassade eingesetzt werden sollen, werden bereits jetzt kultiviert, damit sie beim Einsatz in Stuttgart eine gewisse Größe und Robustheit erreicht haben. Und natürlich nehmen wir unterschiedliche Versuchsaufbauten vor. Auch wenn es spannend bleibt – wir sind sehr zuversichtlich, dass sich die Begrünung gut entwickeln wird. Die Erkenntnisse, die sich aus dem Projekt in der Calwer Passage gewinnen lassen, werden mit Sicherheit einen wichtigen Beitrag zur weiteren Verbreitung von urbanen Fassadenbegrünungen leisten.

Wie groß und messbar ist der konkrete Beitrag zum Klimaschutz? 

Die Diskussion über das Begrünen der Städte wird für Planer immer wichtiger, nicht nur aufgrund der spürbar zunehmenden Wetterextreme. Städtebaulich ist die Ausbildung von Gründächern zum Teil bereits kommunal geregelt und vorgeschrieben – im Bereich der Fassaden gibt es aber noch sehr viel Nachholbedarf. Bei Starkregen fungieren die Begrünung und der Substrataufbau als Zwischenspeicher für die Wassermassen. Darüber hinaus können die Pflanzen auch lokale Feinstaubkonzentrationen reduzieren und der ansonsten zu beobachtenden sommerlichen Überhitzung von stark bebautem Gebiet (der sogenannte „Urban Heat Island“-Effekt) entgegenwirken. Das Mikroklima vor Ort wird so entscheidend verbessert. Ein einzelnes Gebäude kann natürlich nur bedingt zur Verbesserung des Stadtklimas beitragen. Die Begrünung der Fassaden und Dächer bei der Calwer Passage bringt aber ein ansehnliches Stück Natur zurück in das Herz der Landeshauptstadt – und macht die Stadtmitte dadurch attraktiver und lebenswerter für uns alle. 

Gibt es ähnliche Projekte als Vorbilder? Wie sind die Erfahrungen damit?

In Deutschland wurden noch keine vergleichbaren Projekte fertiggestellt. In Düsseldorf entsteht derzeit zwar ein Gebäude, das einen ähnlichen Umfang an Begrünung hat. Allerdings befindet sich diese ausschließlich vor opaken Bauteilen und ist eine Monokultur aus Hainbuchen. Der Bosco Verticale in Mailand ist derzeit wahrscheinlich das bekannteste Beispiel einer umfangreichen Fassadenbegrünung. Zwar sind die Standortbedingungen und die räumliche Anordnung nur bedingt mit der Calwer Passage vergleichbar; die bisherigen Erfahrungen von Mietern und Bauherrn sind aber sehr positiv. Bei der Calwer Passage zielen wir auf vergleichbare Ergebnisse – statt versiegelten Flächen, die die natürliche Versickerung von Wasser verhindern und die im Sommer für starke Aufheizung sorgen, wollen wir durch die Begrünung einen atmenden Stadtraum mit einem natürlichen, gesunden Klima schaffen.

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